#MeinRadrevier
Das Bild zeigt Sabine Heinrich im Landschaftspark Duisburg-Nord

„Warum nicht öfter?“

Heimat kann ich gar nicht beschreiben, immer wenn ich anfange erklären zu wollen, was ich fühle, wenn ich an meine Heimat denke, dann fange ich Sätze an, die ich nicht beenden kann. Ja, vielleicht auch gar nicht beenden will. Was ich nicht beschreiben kann, das möchte ich zeigen. Dazu braucht es ein Fahrrad und den Wille einfach mal loszuradeln.

Es muss bei Kilometer 36 gewesen sein, vermutlich auf dem Nordsternweg zwischen dem Biergarten von Ente Lippens und der  Zeche Zollverein, unserem Ziel. Rechts und links Schrebergärten, die Sonne stand noch recht hoch und wir rollten mit unseren Rädern schweigend über den Schotterweg der alten Bahntrasse und mir tat schon gut der Popo weh. Völlig unverhofft und ungeplant überkam mich ein so großes Glücksgefühl und ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so bei mir/so glücklich/ so weit weg von ‚OrgansiationSchlauseinmüssenanTerminedenken’ war. Eigentlich hätte ich an der Stelle vom Rad absteigen können: „Tagesziel erreicht“. Aber dann hätte ich den glitzernden Moment verpasst, als die untergehende Sonne durchs Fördertürmchen auf Zollverein schien. Achtung: dieser Text kann Spuren von Kitsch enthalten. Von vorne.

Ich starte, wo die Emscher endet: Duisburg. Los geht’s um kurz nach acht morgens, noch mal die Reifen prüfen und dann ab mit dem Fahrrad in den Zug. Köln/Duisburg bin ich viele Jahre gefahren, dann aber nicht für eine Radtour, sondern zur Uni nach Neudorf.  Natürlich war ich schon im Landschaftspark Nord, aber eben nie mit dem Fahrrad. Die Anreise war schon mal herrlich unkompliziert und um sofort zu verstehen, dass ich ab jetzt im Pott bin, hilft schon das Gespräch an der dritten Ampel: Ein Typ mit einem selbstgebauten E-Moped guckt auf mein analog-Rad mit Körbchen: „willsteDichebendranhängn?“ „Frach heute nammittach noch mal, hab gerade erst angefangn“ „Aaaskla...gute Fahrt“, weg war er. Ja. Heimat. Definitiv.

Über den "Grünen Pfad" zur Tonne

Im Landschaftspark Nord hätte ich meine Fahrt schon fast beenden können – perfektes Wetter und schon da dachte ich: warum nicht öfter mal? –das kommt noch ein paar mal. Übrigens auch, dass ich mein Fahrrad schieben muss. Zum ersten Mal auf den Monte Schlacko. Bin keine Bergziege: die Aussicht aufs Gelände mit Hochofen lohnt sich.

Ich biege auf den „Grünen Pfad“ und das ist radeln wie auf der Autobahn, nur in schön und ohne Stau. So geht es kilometerweiter Richtung Oberhausen – ich habe übrigens kein Navi am Lenker und radle nach Zahlen und das haut super hin. Noch bevor aber der nächste Wegweiser kommt, rieche ich, dass ich gleich nach rechts abbiegen muss. Es riecht nach Kindheit, nach draußen sein: die Emscher! Die sieht lang nicht mehr so aus, wie in den 80ern...aber der besondere ‚Duft’ ist eben ein Markenzeichen der Köttelbecke. Innerlich gratuliere ich allen, die über den grünen Pfad zur Arbeit radeln könnten – warum sollte ich mich da freiwillig ins Auto setzen.

Die Tonne am Horizont, radeln wir noch am Stadion von RWO vorbei und kommen an den Rhein Herne Kanal. Ich will ja eigentlich zum Tetraeder nach Bottrop, aber einmal mit dem Fahrrad über den Regenbogen schieben, dafür gehe ich über bzw durch die Spiralen der „Slinky Springs to Fame“, die fancy Brücke über den Kanal. Sie wackelt etwas – aber hält. Ich bin verliebt! Ausstellung besuchen? Dann Fahrrad abstellen und ins Gasometer. Schaukeln im Kaisergarten? Gerne. Aber ich radle jetzt erstmal weiter – bitte mit voller Konzentration, nicht die Abfahrt verpassen.

"Wo Worte fehlen, braucht es die Sicht"

Von weitem kann ich schon mein nächstes Etappenziel sehen und es ist erstaunlich, wie fit die Beinchen dann werden: Tetraeder.  Haldenstolz! Ich will da hoch. Erstaunlich, wie die Beinchen dann doch müde werden. Hochradeln? Ähm...ne. Wer die Aussicht liebt, der schiebt. Und da oben drauf ist die Erklärung für dieses Heimatgefühl: da wo Worte fehlen, braucht es die Sicht. Ich höre mich sagen: wer das nicht schön findet, dem kann ich nicht helfen. Atmen, gucken, gerührt sein. In alle Richtungen Ruhrgebiet. Mehr Pott geht nicht.

Pause! Am Fuße des Tetraeders versorge ich mich: Pommes. Ja...muss, oder? Danke. Weiter.

Und völlig unverhofft entdecke ich ein Schild im Gebüsch: „Ich danke Sie“ – Mooooment! Ente Lippens? Tatsächlich.  Hier ist seine Ranch – zwei große Eisentore mit seinem Enten-Logo stehen offen, wir radeln einfach rein und am Ende der malerischen Auffahrt ist ein herrlicher Biergarten. „Mitten im Pott“ . Nachteil: hat gerade nicht geöffnet. Wie schade und wie gut gleichzeitig: da wäre ich vermutlich versackt.

Noch ein paar Kilometer durch eine Zechensiedlung, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Ich rechne fest damit, dass ich gleich auf eine Gang treffe, in der ich selber mal war. Mit aufgeschlagenen Knien, Ball unterm Arm und dreckiger Schnute. An Köln // Job// Schreibtisch habe ich seit mehreren Stunden nicht gedacht. Ja, der Popo tut weh, aber die Zieleinfahrt auf Zeche Zollverein erlebe ich wie auf einem E-Bike: ohne Anstrengung. Platt aber unglaublich glücklich.

Mein Radrevier // Mein Ruhrgebiet // Mein Radler – Prost! Warum nicht öfter?

Wer ist Sabine Heinrich

Sabine Heinrich moderiert "Frau tv" im WDR und wechselte im Juni 2016 von 1LIVE zum WDR2. Ihr TV-Debüt feierte sie 2006 mit der zehnteiligen Live-Show „Schorn und Heinrich“ im WDR Fernsehen. Zu den Höhepunkten ihrer Karriere gehört die Moderation des Deutschen Musikpreises ECHO, den sie 2010 gemeinsam mit Matthias Opdenhövel live aus Berlin präsentierte. Des Weiteren moderiert Sabine Heinrich viele Off-Air Veranstaltungen wie z.B. die lit.Cologne oder den NRW-Empang auf der Berlinale und weitere diverse Firmenveranstaltungen. 2010 moderierte sie ebenfalls mit Matthias

Opdenhövel die Showreihe „Unser Star für Oslo“, die im Ersten und bei ProSieben ausgestrahlt und mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Unterhaltungssendung“ ausgezeichnet wurde. Seit 2010 gehörte Sabine Heinrich zum Außenreporter-Team der WDRShow „Zimmer frei“, und 2011 präsentierte sie erneut im Duett mit Matthias Opdenhövel die Vorentscheidungsshows „Unser Song für Deutschland“. 2015 war sie in ihren eigenen Sendunge n “Fr a u He inr i c h kommt ” (WDR) und “Gewissensbisse” (Einsfestival) zu sehen. Für ihre Vormittagssendung „1LIVE mit Frau Heinrich“, erhielt sie 2011 den deutschen Radiopreis in der Kategorie „Beste Moderatorin“.