#MeinRadrevier
Das Bild zeigt Ben Zwiehoff

Mein radrevier.ruhr – wer braucht schon Alpen oder Gardasee?

Hallo, ich heiße Ben Zwiehoff, 25 Jahre alt und bin Profi-Mountainbiker aus Essen, genauer ein waschechter Steelenser (so nennt man uns Ur-Einwohner des schönen Essener Stadtteils Steele). Als einer der wenigen Radsportler aus Nordrhein-Westfalen habe ich das Glück, mein Hobby auch zu meinem Beruf machen zu können. Schwerpunkt ist dabei das olympische Cross-Country, die Formel 1 im Mountainbike. Auf 4-5 km langen Rundkurse jage ich mit bis zu 150 anderen Weltklassepiloten über die Weltcup-Strecken. Dabei müssen wir steilste Anstiege mit Vollgas hoch und äußerst schwierige mit Steinen und Wurzeln durchzogene Abfahrten wieder runter. Gefragt ist also die perfekte Mischung aus Kondition und Radbeherrschung. Ich fahre für das BERGAMONT Factory Racing Team und studiere „nebenbei“ Rechtswissenschaften an der Ruhruniversität Bochum (RUB). Außerdem arbeite ich im Herbst/Winter noch bei der GELSENWASSER AG , einem echten Ruhrgebietsunternehmen.

Mein sportliches Ziel ist die Qualifikation für die olympischen Spiele in TOKIO 2020. Dafür trainiere ich tagtäglich bei Wind und Wetter in allen möglichen Ecken unseres schönen „Potts“. Unsere Rennen finden auf allen 5 Kontinenten statt, so dass ich unser RadrevierRuhr gut mit den anderen „Fahrrad-Regionen“ der Welt vergleichen kann. Natürlich gibt es woanders höhere Berge oder im Winter besseres Wetter, dennoch gibt es für mich als „Pottjungen“ keinen besseren Ort zum Trainieren bzw. zum Radfahren als unser radrevier.ruhr. Das radrevier.ruhr bietet genau die richtige Balance aus grünen Naherholungsgebieten mit toller Radweganbindung, städtischen Ausflugszielen, Action, sportiven Herausforderungen und (was zum Radfahren unbedingt dazu gehört) „dolce vita“ (Cafés, Eisdielen, fahrradfreundliche Restaurants und Biergärten). Ich predige daher schon seit Jahren all denen, die mich fragen, ob man bei uns im Ruhrpott denn überhaupt vernünftig trainieren könne, dass es für mich persönlich weltweit keinen besseren Spot gibt und ich „mein“ Ruhrgebiet gegen nichts auf der Welt eintauschen würde.

Meine Lieblingsroute durchs Ruhrgebiet verbindet meinen Job als Radprofi mit dem puren, ehrlichen und ursprünglichen Radfahren. Sie bietet sowohl sportliche Herausforderungen, wenn gewünscht, sogar technischen Anspruch, aber vor allem auch eine ganz spezielle Komposition aus Radtour und Sightseeing. Ich stehe jeden Morgen vor der ganz speziellen Fragestellung: „Wo fahr ich heute hin? Anne Ruhr? Vielleicht Richtung Düsseldorf? Auf den Spuren meiner Borussia aus Dortmund? Bisschen bergig im Bergischen? Oder entlang der vielen wunderbaren Stauseen der Ruhr?“. Im radrevier.ruhr ist für jeden etwas dabei: Für Sportler, für Pendler, für Radtouristen, für den E-Biker, für Naturfreunde, für Städtetripler, für Weltenbummler, für Gourmets, ja selbst für die Fahrradmuffel. Meine Lieblingsroute unterstreicht diesen Facettenreichtum und zeigt, warum sich das Ruhrgebiet nicht hinter den typischen Radregionen Deutschlands oder gar Europas verstecken muss. Deswegen nehme ich euch heute mit auf meine Lieblingsrunde.

Tourstart am Center of Mountainbike

Es ist Samstag, 10 Uhr, 20 Grad und herrlicher Sonnenschein. Die Sonne spiegelt sich im leichten Wellengang des Flusses, dem die Region ihren Namen zu verdanken hat. Mein Bergamont-Bike lehnt am Geländer der Kurt-Schumacher-Brücke in Essen-Steele. Wenn der SPD-Politiker noch leben würde, so würde ihm sicher ein Lächeln über die Lippen kommen, wenn er sehen könnte, was für ein schöner Fleck nach ihm benannt wurde. Vor nicht einmal zehn Minuten startete meine Tour am Center of Mountainbike (COME) in Essen- Freisenbruch. Hier betreibt der MSV Essen-Steele 2011 einen Mountainbike-Abenteuerspielplatz für jung und alt. Zwischen den aufgeschichteten Sprüngen und künstlichen Hindernissen, blühen so langsam die ersten Blumen und im Vereinsheim war auch schon etwas los. Viele meiner Ausfahrten starten hier.

Hier treffe ich als MTB-Profi auf Gleichgesinnte und Leidensgenossen. Der perfekte Startpunkt für meine Touren. Die Radwegschilder führen mich entlang des S-Bahnhofs „Steele Ost“ zur Ruhr. Auf der Brücke halte ich kurz inne und lasse die Eindrücke auf mich wirken. Rechts hört man spielenden Kinder auf dem nahegelegenen Spielplatz, links fährt auf der nicht weit entfernten Eisenbahnbrücke gerade eine S-Bahn Richtung Wuppertal über die Ruhr. Obwohl es noch recht früh ist, sind schon viele Menschen unterwegs. Bei diesem Wetter lockt der RuhrtalRadweg besonders viele Ausflügler. „Kein Wunder“, denke ich mir. Das leise Rauschen des Wassers, der lauwarme Fahrtwind, die frisch gemähten Wiesen und die genau über mir herziehende Sonne – wer bekommt da nicht Lust auf eine Fahrradtour?

Meine Traumroute führt an der Isenburg vorbei weiter über den Homberg in Richtung Velbert Nierenhof. Hier kommen die sportiven Radfahrer auf ihre Kosten. Die Straße schlängelt sich steil entlang von Wäldern, einem Reiterhof und einigen Weiden bis nach Nierenhof. Ohne dichten Verkehr, und ohne den Straßenlärm der Innenstädte des Ruhrgebiets, fühlt sich die Fahrt wie Urlaub an. Kaum zwei Kilometer liegt das Ruhrtal entfernt und es ist ein Gefühl, als ob wir uns bereits im Sauerland befinden. Der mühsame Aufstieg auf den Homberg mag zwar der härteste Teil meiner Tour sein, doch die Strapazen sind auf der schnellen Abfahrt nach Nierenhof schnell vergessen.

Cycle Café - Das erste Highlight

Wir erreichen ein erstes Highlight, das Cycle Café von Holger Röthig am Busbahnhof „Velbert-Nierenhof“. Auf den ersten Blick unscheinbar, links ein großes Möbelhaus, rechts eine kleine SB Filiale der Sparkasse, versteckt sich innen einer der Hotspots für alle radsportbegeisterten Menschen der Umgebung. Das Cycle Café ist eine Mischung aus hippem Radsport-Showroom, gemütlichem Café und einer kleinen Werkstatt. Ein großer Tisch, an dem viele Radfahrer in ihren Teamoutfits sitzen, eine Kuchentheke, eine italienische Siebträger-Kaffeemaschine, der Geruch von frisch gemahlenen Kaffee, liegt in der Luft.

Unzählige Fahrräder sowie eine große Auswahl an Bekleidung machen diesen Ort zu dem, was er ist. Nach den Qualen des Hombergs ist das Cycle Café der perfekte Spot zum Auftanken und zum Aufladen des Akkus für den Rest der Tour. Mein Profitipp ist der leckere Capuccino. Der Kaffee kommt aus der „Drago Mocambo“-Rösterei aus Radevormwald, die Milch von einem Bauern aus dem nahegelegen Felderbachtal und der Kuchen aus einer Bäckerei die Straße runter. Im Cycle Café wird nicht nur auf Nachhaltigkeit, Flair und Geschmack, sondern vor allem auch auf Regionalität geachtet. Der Milchschaum werde mit der frischen Landmilch zwar nicht ganz perfekt, so Holger Röthig, aber dafür könne man am Bauernhof vorbeifahren und die Kuh streicheln, die die Milch geliefert hat.

Der Baldeneysee - "Lago Baldino"

Nach dem Zwischenstopp im Cycle Café geht’s weiter. Richtung Essen. Noch vor nicht allzu langer Zeit mussten sich die Radfahrer von Nierenhof über die viel befahrene Nierenhofer Straße quälen, um wieder nach Essen-Kupferdreh und zum Baldeneysee zu gelangen. Zum Glück ist der Radweg nach jahrzehntelanger Planung seit Kurzem endlich Realität. Er liegt zwar ein wenig versteckt, dafür führt er entlang des malerischen Deilbaches. Gleich zu Beginn haben wir aber erst einmal die Herausforderung, den Weg in einem Industriegebiet nah des Ziegeleiwegs in Nierenhof überhaupt zu finden. Das Industriegebiet wirkt wie eine Sackgasse, doch davon sollten sich die Radler nicht täuschen lassen. Die Suche wird mit einer schönen und ruhigen Fahrt belohnt. Nur wenige Radler sind hier unterwegs, offenbar ist der Einstieg noch nicht sehr bekannt. Der Weg führt uns fast durchgängig geradeaus, bis wir direkt in Essen Kupferdreh wenige hundert Meter entfernt des Baldeneysees ankommen.

Der Baldeneysee oder wie ich ihn liebevoll nenne „Lago Baldino“ ist das Herzstück der Naherholung Essens. An seinen Ufern bin ich praktisch aufgewachsen. Mit ihm verbinde ich jede Menge herrliche Erinnerungen. Logisch, dass meine Route hier vorbeikommen muss. Dank des neuen Deilbach-Radwegs von Nierenhof nach Kupferdreh kein Problem. Mittlerweile ist es gleich 12 Uhr. Die Sonne steht hoch über mir und am See ist auch so einiges los. Auf der alten Eisenbahnbrücke, die Essen-Kupferdreh mit Essen-Heisingen verbindet, halte ich kurz inne, lasse meinen Blick über den See schweifen und sauge diese besondere Atmosphäre auf. Diese Atmosphäre, die es nur hier gibt. Bei uns im Ruhrgebiet.

Zurück Richtung Heimat

Wer jetzt noch Lust hat, kann den See entlang des Ufers umrunden und sogar rechts und links immer wieder über Schotterwege und kleine Trails die Hügel erklimmen. Im Gegensatz zum ordentlich bevölkerten Weg entlang des Sees, ist hier fast niemand unterwegs. Ab und zu kreuzt vielleicht ein Wanderer den Weg. Bitte grüßt freundlich, denn hier bei uns im Ruhrgebiet gilt „leben und leben lassen“. Daher stehen wir für ein verständnisvolles Miteinander. Besondere Orte auf dem Weg sind die ehemalige Zeche Carl Funke, die Villa Hügel, der Stammsitz
der Familie Krupp, oder die malerische Altstadt in Essen-Werden am anderen Ende des Baldeneysees.

Da mein Training für heute aber vorbei ist, atme ich noch einmal kurz und tief die Seeluft ein, schwinge mich wieder auf mein Mountainbike und folge dem Ruhrtalradweg zurück in meine Heimat – nach Essen-Steele. Auf der Rückfahrt genieße ich dann noch einmal das besondere Flair, das unser Fluss, die Ruhr, uns bietet. Stromaufwärts könnte ich am Ausflugslokal Rote Mühle noch einmal in einen Biergarten einkehren, doch heute fahre ich ohne Stopp weiter. Meine Lieblingsroute endet am Ruderverein Essen-Steele. Sie ist für jede Fahrerin und jeden Fahrer problemlos zu schaffen, nehmt Euch einfach Zeit und genießt die wunderbare Natur. Für die Mountainbiker unter Euch: Die Trails, die sich zum Teil entlang der Ruhr, entlang winden, sind ein echter Geheimtipp. Flowig über Trails, auch das geht in unserem radrevier.ruhr.

Wer ist Ben Zwiehoff?

Ben Zwiehoff, 25 Jahre, Mountainbike-Profi  fährt seit seinem 3. Lebensjahr Mountainbike. Schon früh begann er mit dem Rennsport, der ihn heute jedes Jahr einmal rund um die Welt bringt. Sein größter Erfolg bisher war der Europameistertitel 2015, den er gemeinsam mit der deutschen Staffel gewann.  Die meisten seiner mittlerweile mehr als 150.000 Trainingskilometer hat der gebürtige Essener hier bei uns im „Pott“ gesammelt.

Als waschechtes Kind des Ruhrgebietes studiert er neben seinem „Job“ als Fahrradprofi an der Ruhruniversität Bochum Jura und arbeitet außerdem nebenbei in Gelsenkirchen bei Gelsenwasser in der Unternehmenskommunikation. An seiner Heimat mag er besonders die zentrale Lage, die als Ausgangspunkt für Trainingsfahrten in alle Richtungen ideal ist. Seine Ausfahrten führen ihn dabei bis ins Sauerland und an die holländische Grenze. Doch am wohlsten fühlt er sich, wenn er mit seinem Mountainbike auf den Wegen in den grünen Wäldern links und rechts der Ruhr unterwegs sein kann.